Zu viele Pfunde? Ja, die habe ich ganz gewiss auf meinen Hüften sitzen, aber was noch schlimmer ist, ich schiebe sie auch auf meinem Bauch vor mir her. Was liegt also näher, als – wieder einmal – eine Abmagerungskur zu starten ...

 

Irgendwie hatte ich das Gefühl, den richtigen Zeitpunkt erwischt zu haben. Alles bei mir roch – und riecht noch – ganz stark nach Veränderung. Warum also nicht diesen Energieschub ausnutzen? Nach dem Mondstand war der Termin äußerst glücklich ausgewählt. Wir hatten abnehmenden Mond, und bei abnehmendem Mond, sagen meine schlauen Bücher, schwemmt der Körper aus, was er nicht mehr braucht. Nur leider nicht das Fett, das man sich durch unkontrolliertes Essen (und auch Trinken!) angefuttert (und angetrunken) hat.

 

Einige Bekannte hatten wunderbare Erfahrungen mit einer Fastenkur gemacht – Heilfasten. Nicht unbedingt im Hinblick auf eine Gewichtsabnahme, aber der Körper wird dabei entgiftet, entschlackt und erfrischt. Bereits an anderer Stelle haben wir ja schon mehrfach darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, viel zu trinken. Ich erkundigte mich also ganz genau, was ich beim Heilfasten beachten muss, welche Getränke ich zu mir nehmen darf und wie der Einstieg funktioniert.

 

„Du musst dir Glaubersalz besorgen“, so der Rat meiner Freundinnen. „Die vorgeschriebene Dosis kannst du getrost um die Hälfte verringern, es bleibt trotzdem noch grauenvoll, das Zeug zu schlucken!“ Na, das hörte sich ja gut an – aber wenn's denn wirkt ...?

 

Die Voraussetzung für das Heilfasten ist ein völlig entleerter Darm. Nur wenn der Darm „glatt und leer ist wie eine Autobahn beim Sonntagsfahrverbot“, wie ein Internist vor einer Darmspiegelung das so treffend bezeichnete, dann bekommt der Körper signalisiert, dass keine Vorräte mehr vorhanden sind und er seine körpereigenen Reserven – sprich die Fettzellen – angreifen muss.

 

Das klang alles ganz logisch. Ich besorgte nun das Glaubersalz und bereitete mich mit einem Rohkosttag auf das bevorstehende Heilfasten vor. Ich profitierte von meinen Erfahrungen im Hinblick auf die vor zwei Jahren gemachte Umstellung auf Trennkost und litt an diesem Vorbereitungstag auch keine besonders große Hungersnot.

 

Dann kam der Moment, an dem ich das Glaubersalz schlucken musste. „Drei gehäufte Esslöffel zur schnellen und vollständigen Darmentleerung“ stand auf der Packung. Ich halbierte die Menge vorsichtshalber und löste das Salz in einem großen Glas Mineralwasser auf. Daneben stellte ich ein zweites großes Glas Wasser – nur zur Sicherheit, falls mir gleich schlecht werden sollte ...

 

Etwas hartnäckig war das Zeugs ja, so einfach ließ sich das nicht auflösen. Ich rührte ständig in dem Glas herum. Endlich hatten sich die Salzkristalle gelöst – ich nahm einen großen Schluck und zuckte zusammen. Böähhh – war das eklig ...! Meine Lieben hatten nicht übertrieben! Würgend schob ich einen ebenso großen Schluck „reines“ Mineralwasser hinterher. Aber ich hatte noch ein dreiviertelvolles Glas widerlicher Glaubersalzbrühe vor mir. Die Schlucke wurden immer kleiner, das Würgen im Hals und der Ekel immer größer.

 

Ein Minischlückchen Glaubersalzbrühe wurde abgelöst von einem Viertelliter Mineralwasser und noch ein Schlückchen – und noch eins ... eins für Mami, eins für Papi ... Endlich war das Zeug unten, und mir war reichlich übel. Hoffentlich bleibt's drin!, dachte ich bei mir, skeptisch begleitet vom Grinsen meines Mannes. Von dem vielen Mineralwasser war mein Bauch richtig aufgequollen – ich schob einen richtigen Wanst vor mir her.

 

Nach etwa acht Stunden sollte die Wirkung einsetzen, da hatte ich ja noch reichlich Zeit. Ich machte es mir im Bett mit einem spannenden Buch gemütlich, doch schon nach knapp zwei Stunden ging's los – aber richtig! Meine lieben Freundinnen hatten nicht übertrieben, und jetzt weiß ich auch dieses seltsame Blinzeln in den Augenwinkeln und die kleinen Lachfältchen um die Lippen zu deuten ... Es sollte mich schier zerreißen, aber der Darm war sauber gefegt wie eine Autobahn beim Sonntagsfahrverbot.

 

Am folgenden Morgen war ich bei bester Laune, als ich mir ein großes Glas Multivitaminsaft eingoss und großspurig auf mein Frühstück verzichtete. Neben meinem Schreibtisch baute ich etliche Flaschen Mineralwasser auf, die ich im Laufe des Tages in mich hineinzuschütten beabsichtigte. Nach einer Zwischenstation im Magen und über die Nieren wieder hinaus – wie gut, dass ich eine Spartaste am Spülkasten habe ...

 

„Ein Festessen“ nannte eine Bekannte die Gemüsebrühe, die einmal täglich verzehrt werden durfte, ohne Einlage, versteht sich. Immer noch voller Enthusiasmus warf ich den Brühwürfel in das leicht köchelnde Wasser, während neben meinem Wassertopf in der Pfanne der Fisch für meinen Mann brutzelte und die wundervolle Aromamischung von Bratfett und Fischgeruch meine Nasenwand kitzelte. Nein, ich will wirklich nichts essen, wirklich nicht!!!

 

Abends im Bett beschwerte sich mein Magen äußerst empört darüber, dass ich ihn so vernachlässigte. „Gar nich' um kümmern ...“, dachte ich noch, bevor ich mit knurrendem Magen einschlief.

 

Am dritten Tag bekam ich die große Krise. Ich konnte kein Wasser mehr sehen, und meinem Mann hätte ich am liebsten die duftende Pizza um die Ohren gehauen. Ganz zu schweigen von dem Rotwein, der mich verlockend und heimtückisch aus dem Weinglas angrinste. Stark bleiben, ganz stark bleiben. Wär' doch gelacht, wenn du einen so schwachen Willen hättest und das nicht schaffen würdest!

 

Am vierten Tag beschloss ich, die Gemüsebrühe gegen eine große Weinschorle einzutauschen. In meinem Innern regte sich ein leiser Widerspruch gegen meinen eigenen Entschluss, aber meine Gier siegte. Tropfenweise inhalierte ich das Gemisch, fühlte mich nach einigen wenigen Schlucken leicht und beschwingt und weinte der Brühe keine Träne nach. Sollte mein Mann doch alle meine Lieblingsgerichte auffahren ...

 

Jetzt stand ich ganz und gar über den Dingen. Nur die zweite Portion Glaubersalz, die nach drei Tagen nochmals geschluckt werden sollte, die machte mir noch zu schaffen. Ich hatte sie ja nun schon einen Tag hinausgeschoben, verringerte die Dosis auf ein Minimum und schluckte das Zeug voller Todesverachtung runter. Mehr schlecht als recht und mehr rauf als runter ..., aber endlich war auch das geschafft.

 

Mit der Zeit begann ich mich richtig gut zu fühlen. Keine Schlacken mehr im Körper, an die Mengen Flüssigkeit hatten sich Magen und Nieren auch schon gewöhnt, und die Waage belohnte mich ebenfalls für meine Anstrengungen.

 

Drei Wochen habe ich diese Fastenkur durchgehalten. Fünf Kilo Gewicht habe ich dabei verloren, leider ist im Laufe der Zeit dieser positive Effekt der Gewichtsabnahme wieder vergangen und der Jo-Jo-Effekt hat gnadenlos zugeschlagen. Also war nicht die Gewichtabnahme wichtig für mich, sondern die innere Reinigung des Körpers. Ich habe während meiner morgendlichen Meditationen wunderbare spirituelle Erfahrungen machen dürfen, die ich auf den Nahrungsentzug und die Entgiftung zurückführe. Auch die Geschmacks- und Geruchsnerven haben eine Erholungspause bekommen, man nimmt Geschmack und Düfte ganz anders und vor allem viel intensiver wahr. Schon aus diesen Gründen werde ich das Heilfasten irgendwann einmal wiederholen.

 

© Marion Kroh

 

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