Aus meinem Tagebuch

 

26. Mai im Jahre Irgendwann ...

Ich habe beschlossen, gegen meine wuchernden Pfunde anzukämpfen. Endgültig. Ich habe keine Lust mehr dazu, alle Spiegel zu verhängen und das Zuhause meiner Seele so stiefmütterlich zu behandeln. Ich kann nicht meinen Schülern predigen, dass sie auf sich Acht geben sollen, und was mache ich selbst??

 

Aldi hat Waagen im Sonderangebot, die das Körperfett und den Wasseranteil in Prozent messen. Ich beschließe, die Waage zu kaufen ... hat doch meine alte Waage mich nun schon lange nicht mehr zum Wiegen gesehen; ich hatte sie in die hinterste Ecke im Schlafzimmer verbannt, dass ich auch ja nicht dran vorbei musste ... Waage gekauft und ausgepackt. Natürlich stellt man sich weder am Nachmittag noch direkt nach dem Essen auf die Waage, aber ausprobieren muss man sie schon ... Insgeheim hatte ich befürchtet, dass ich die Hunderter-Marke bereits überschritten habe. Aber – was sehen meine trüben, altersschwachen Augen? 98,1 Kilo ... Körperfett-Anteil 49,5 % – na wunderbar! Das würde bedeuten, wenn ich 100 Kilo wiegen würde (nur mal angenommen! rechnet sich leichter!), wären 49,5 % davon reines Fett! Und der Wasseranteil liegt bei 34,7 %, beides zusammen = 84,2 Kilo ... dann bleiben für den kümmerlichen Rest an Knochen und was sich sonst noch im so im Körper rumlümmelt und zählbar ist 15,8 Kilo übrig ... Marion, Marion ... du MUSST was tun!

 

M. und K. haben mit dem Weight-Watchers-System wunderbar abgenommen. M. sogar in kurzer Zeit 11 Kilo. Die Dicke (haha! muss ICH grad sagen!), die immer unten auf der Straße vorbei geht und die ich so in meinem Alter schätze, wird neuerdings auch immer weniger. Und was ist mit der Kollegin meines allerliebsten Gatten? Auch die punktet mit den Weight Watchers und hat schon etliche Kilochen geschmissen ... und ist sogar zur wandelnden Lokomotive mutiert ... Sie wissen schon, das sind die, die mit den Armen rudern und immer Tsch-Tsch-Tschhhhhh machen und sich gleichzeitig flotten Schrittes vorwärts bewegen ... oder die anderen, denen man zum Skilaufen den Schnee und die Skier geklaut hat ...

 

Ich weiß ja, dass eine körperliche Betätigung den Prozess des Abspeckens unterstützt, allerdings habe ich es mein Leben lang eher mit dem Motto Churchills gehalten: „No sports!“ – mal von den paar Jahren intensiven Tennisspielens abgesehen ... was ich leidenschaftlich gern gemacht habe, dies aber aufgeben musste, als ich mich mit dem Schreibbüro selbständig machte. Die Doppelbelastung durch den Schläger UND das Schreiben (damals noch auf der Schreibmaschine) haben meine Handgelenke nicht besonders gut vertragen. Also bekam der Beruf den Vorzug, was letztlich dann dazu geführt hat, dass ich nur noch auf dem Sessel meinen Hintern immer breiter gesessen habe ...

 

Also ... das Fettpunktezählen ... Habe mir aus dem Internet jede Menge Infos und Fettpunkte-Tabellen runtergeladen. Es ist erfreulich zu sehen, je mehr Tabellen man miteinander vergleicht, desto unterschiedlicher sind die Angaben ... wie beim Doc ... zwei Ärzte = 3 Meinungen! (oder mehr??) Was suche ich mir jetzt aus? Die beschönigende Tabelle, wo die 200 g Scholle mit 1 Fettpunkt zu Buche schlagen, oder doch lieber die andere Tabelle, wo für 100 g Scholle schon 4 Punkte angesetzt sind? Oder soll ich eine Art „Mischkalkulation“ machen? Alle Punkte zusammenzählen und dann durch die Anzahl der Tabellen teilen?? Härrjesses ... (Härrjesses = Du liebe Güte! oder ähnlich!) ...

 

Je länger ich mich mit dem Schriftkram beschäftige, desto verwirrender wird alles. Also habe ich für mich beschlossen, das Fettpunktezählen mit der Trennkost zu kombinieren. Die Grundlagen der Trennkost habe ich intus und muss nicht lange in Tabellen blättern, um mir irgendwelche Daten rauszusuchen. Und wenn ich dann darauf achte, was ich zu den Hauptmahlzeiten zu mir nehme und rigoros trenne und dabei noch die Fettpunkte zähle ... dann müsste es doch eigentlich klappen, oder?

 

Bisher sind in den letzten Jahren alle Abspeck-Versuche fehlgeschlagen. Woran lag's? Keine Ahnung ... Vermutlich im psychischen Bereich, ich weiß, dass da eine Blockade ist, die ich noch zu knacken habe. Das Reiki-Treffen im Mai hat Etliches zu Tage gebracht, was es aufzuarbeiten gilt. Und natürlich haben auch die unqualifizierten Bemerkungen der BB (haha! BB ... warum begegnen mir nun schon zum zweiten Mal diese Initialen mit fast dem gleichen Namen in einem so negativen Sinne?) ihre Wirkung nicht verfehlt. „Du willst dich nicht verändern!“ Ha, dass ich nicht lache! DAS kann SIE wohl kaum beurteilen ... Und vor allem nicht, WAS ich bereits getan habe und wie viele Versuche fehl geschlagen sind – aus welchem Grund auch immer.

 

Jedenfalls: Ich pack's JETZT an!

 

Donnerstag, 27. Mai

Wiegetag, 97,7 Kilo, 49,5 % Körperfett, 34,7 % Wasser

Mental voll drauf eingestellt: Heute geht's los! Zum Eingewöhnen gibt es heute eine Kartoffelsuppe, die ich als Entschlackungssuppe von der Trennkost her kenne. Nun quält mich die Frage, wie viele Fettpunkte ich für die Gemüsebrühe ansetze, mit der die Suppe statt Salz gewürzt wird. In einer Tabelle stehen diese Instantprodukte mit 0 Punkten, in einer anderen schlagen sie heftig zu Buche. Ach ... egal! Da ich über den Tag hinweg jede Menge Fettpunkte einspare, kann wohl die Brühe den Kohl nicht fett machen (haha! im wahrsten Sinne des Wortes!). Eisern schütte ich mich mit Wasser zu = 0 Punkte! Aber wenn jemand meint, ich würde jetzt auf meinen geliebten Rotwein verzichten, der hat sich geschnitten! Schwer geirrt! Und auch hier wieder das Dilemma, in einer Liste wird der Wein mit 0 Punkten geführt, in einer anderen schlagen die 12 Umdrehungen pro Liter Rotwein gleich pro 100 g mit 5 Punkten zu Buche ... GRMPF!!! Da ich um die Verbrennungsprozesse von Alkohol im Körper weiß, beschließe ich, zu Eiweißgerichten den Wein zu trinken und zu den Kohlehydraten Wasser ... PROST!

 

Heute handele ich noch nach meinem Motto „no sports!“ ... Dafür beginne ich gegen Mittag zu frieren wie ein Schneider. Ich bin eiskalt, eine Kälte, die von innen kommt und sich fies und hinterhältig durch den ganzen Körper zieht. Über den gut gemeinten Ratschlag meines allerliebsten Gatten, doch meine Hände unter heißes Wasser zu halten, kann ich nur schmunzeln. Ich kenne diese Kälte, die sich einer Entzugserscheinung gleich auswirkt. Und ich weiß auch, wenn ich Glück habe, ist das morgen wieder vorbei. Erst spät im Bett wird mir langsam wieder wärmer.

 

Freitag, 28. Mai

Noch ein Wiegetag

Ich weiß, ich weiß ... es ist absolut schwachsinnig, sich an zwei aufeinander folgenden Tagen auf die Waage zu stellen. Aber ich habe ein gutes Gefühl im Bauch und möchte das auch schwarz auf weiß bestätigt wissen. Also ... rauf auf die Waage ...

 

97,0 Kilo, 49,3 % Körperfett, 34,6 % Wasser ... na bitte! Ich hab's doch gewusst!

 

Mit einem völlig neuem Körpergefühl beginne ich den Tag. Endlich scheint nach dem verregneten Mai wieder die Sonne, und mit meinem Körpergefühl steigen auch die Temperaturen langsam an, so dass wir es am Nachmittag wagen können, uns in unser „grünes Sommerwohnzimmer“ zu setzen und uns die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Während mein Allerliebster sich am späten Nachmittag ins Bett zum Wochenendschläfchen verkrümelt, beschließe ich, meinem Motto untreu zu werden: NOW sports!!!

 

Ich hole den Bauchwegroller aus der Ecke und beginne mit 30 Rollern. Das klappt recht gut, beschließe aber, das bei den 30 zu belassen, denn ich kann mir lebhaft vorstellen, wie diese 30 morgen ihre Wirkung tun werden und mich bei jeder Bewegung oder bei jedem Lachen (sofern ich denn was zu lachen habe!) Muskelkater quälen wird. Der Heimtrainer grinst mich schon hämisch an, mein inneres Ohr hört ein lautes: Komm her! Ich schaff dich schon!

 

Also Hosenbeine hochgekrempelt und den Pulsmesser am Ohrläppchen befestigt. Ich dumme Nuss bin fasziniert von der Anzeige, an deren unbestechliche Daten ich mich erst wieder gewöhnen muss. Langsam beginne ich mit der voreingestellten Schwungmasse ... und bin nach 5 Minuten fertig ... reif fürs Sauerstoffzelt! Lieber nicht nachschauen, was ich da geschafft habe. Lieber nich ...

 

Ich ärgere mich, dass ich nicht bei meinem Haus- und Hoflieferanten zugegriffen habe, als die einen Gelsattel im Angebot hatten. Nun hängt mir nicht nur die Zunge aus dem Hals, sondern mein so gut gepolsterter Hintern schmerzt bei jeder noch so kleinen Bewegung. Hornhaut am Hintern ... DAS wär's! Ob die Rennradler sowas haben??

 

Samstag, 29. Mai

Kein Wiegetag! Ich habe beschlossen, meine Neugier zu besiegen und werde nur noch einmal in der Woche auf die Waage steigen, um Enttäuschungen vorzubeugen. Meine Roller werden auf 40 gesteigert, natürlich hab ich Muskelkater im Bauch bis zum Abwinken! Ich kenne jeden Muskel mit Namen und spreche alle auch gezielt an und gratuliere ihnen, dass sie sich so nett bemerkbar machen. Die Zeit auf dem Heimtrainer habe ich mir nicht notiert, nur dass ich stattliche 3,3 Kilometer zurückgelegt habe und immer noch nach dem Sauerstoffzelt ächze.

 

Pfingstsonntag, 30. Mai

Ich genieße die Sonne auf dem Balkon, belasse meine Schlagzahl auf dem Roller bei 40, steigere mich aber auf dem Fahrrad auf eine Viertelstunde und schaffe in der Zeit rund 4 km. Und heute hängt mir auch nicht der rote Schal (= meine Zunge!) um den Hals, als ich mit schmerzenden Hinterbacken vom Rad falle ...

 

Pfingstmontag, 31. Mai

Ich gebe dem Drängen meines Gatten nach und lasse mich zu einer Spazierfahrt überreden. SpazierFAHRT, wohl gemerkt, kein SpazierGANG, denn das kriegen wir aufgrund seiner Rückenprobleme schon lange nicht mehr hin. Ich genieße das Hingleiten im Sonnenschein, der uns durch das offene Schiebedach verwöhnt, und träume bei schöner Musik vor mich hin. Am Abend erhöhe ich auf 50 und schaffe in 27,5 Minuten 7,25 km auf dem Rad. Kein Sauerstoffzelt mehr, nur ein schmerzender Hintern ...

 

Dienstag, 1. Juni

70 – 30 – 8,35 = das sind meine Daten vom 1. Juni, will heißen: 70 Bauchwegroller, wobei sich nun meine Muskeln dran gewöhnt haben, dass sie gefordert werden, und nicht mehr schmerzen. Beim Rollen hab ich mich irgendwie verzählt, vermute, dass ich bereits weit über 80 bin – Rollen, nicht Alter!!! –, schreibe aber 70 auf. In 30 Minuten habe ich die stattliche Strecke von 8,35 km geschafft. Marschiere stolz zu meinem Gatten und erzähle ihm, dass ich nun die Strecke zu seiner Arbeitsstelle locker mit dem Rad bewältigen würde, müsste allerdings in der Chefetage mal die Dusche benutzen ... Wär' interessant zu erfahren, was der Herr Direktor dazu sagen würde ...

 

Mittwoch, 2. Juni

Wiegetag?? Könnte man doch mal wagen, oder? Immerhin war mein erster Gang auf die Waage vor genau einer Woche. Am Nachmittag und nach dem Essen.

96,4 – 49,1 – 34,6 = das sind die Daten nach einer Woche Körperbeherrschung! Marion, du darfst dir selbst auf die Schulter klopfen und stolz auf dich sein (wenn's schon kein anderer macht ...)!

In einer Woche 1,7 Kilo abgenommen, das Körperfett um 0,4 % verringert, das Körperwasser hat seinen Anteil mit 34,6 % behalten.

Der Vorteil einer Körperfettmessung besteht darin, dass man nicht die Gewichtsabnahme in Wasser rechnet, denn der Wasseranteil ist ja gleich geblieben. Durch die Fettreduzierung verliert man reines Körperfett, wobei die Wasserprozente mich doch ein bisschen verunsichern. Na, mal abwarten, wie sich das Verhältnis in Zukunft verändern wird.

 

Ach ja *seufz* ... Ich glaube, ich habe heute den Vogel abgeschossen. Jeder Rohköstler würde sagen, fein gemacht! Aber wer weiß schon, dass sich in winzigen Krautsalat-Portionen jede Menge Fett befindet??!! Ich weiß nicht, ob ich das durch meine halbe Stunde Bügeln und 80 Roller wieder wett machen kann.

 

Fortsetzung folgt ... vielleicht ... irgendwann

 

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